Halt in sich finden für diejenigen, die keinen Halt in sich finden
Ich bin die, von der ich glaube, dass andere sie so wollen und erwarten. Ein Essay darüber, woher man weiß, wer man ist.
*Dieser Artikel ist eine Form von Kunst. Bitte lies den Text nicht als Wahrheit, als Informationstext oder als Marketingtext, sondern als etwas, das dir die Möglichkeit gibt, zu fühlen.
Wer bin ich eigentlich?
Irgendwie weiß ich ja, wer ich bin. Ich bin Sabrina. Zumindest bin ich auf Sabrina definiert worden.
Der Klang meines Namens hört sich immer noch komisch an.
Als wäre es nicht wirklich ich.
Als würde ich eine Sabrina von außen sehen, aber sie spiegelt nicht das wider, was ich innerlich fühle.
Wie ich mich innerlich fühle.
Und ich fühle mich wahrscheinlich anders, als ich von außen wahrgenommen werde.
Von außen wurde mir mal gesagt, ich wirkte selbstbewusst.
Das hat mich überrascht.
Und das trifft es wieder: Ich sehe eine Sabrina von außen, die wahrscheinlich selbstbewusst ist.
Ja.
Die gewisse Dinge nicht mitmacht. Wenn mich z. B. jemand offensichtlich schlecht behandelt.
Klarer Cut.
Oder ich liebe meinen Freund, auch wenn von außen das nicht alle verstehen können.
Sie erleben ihn halt nicht so, wie ich ihn erlebe.
Liebevoll. Sicher. Ehrlich.
Und er steht zu dem, wer er ist, auch wenn er damit aneckt.
Das habe ich schon immer an ihm gemocht, auch wenn ich es oft kritisiert habe.
Weil es eben so anders ist als das, wer ich bin.
Womit wir wieder zum eigentlichen Thema kommen: Woher man weiß, wer man eigentlich ist.
Ankerpunkt: Woher ich weiß, wer ich bin
Ich glaube, ich habe mittlerweile halbwegs einen Plan, wer ich zu sein glaube.
Aber das war nicht immer so.
Ich war immer diejenige, von der ich geglaubt habe, dass andere sie so wollen und erwarten.
Ich glaube, die meisten Menschen wissen nicht, wer sie sind. Aber sie tun so.
“Ich stehe dafür.”
“Ich bin die und der.”
“Ich mache einen auf stark, damit ich von anderen so wahrgenommen werde und mich schütze. Vor Unsicherheit. Davor, nicht zu wissen, wer ich bin.”
Und ich habe mir lange Selbstvorwürfe gemacht, weil ich das nicht so konnte.
Ich war immer “diffus”.
Manchmal die zu Toughe. Manchmal die zu Unsichere. Manchmal die zu Laute. Manchmal die zu Leise. (In seltenen Fällen auch mal “richtig”, wenn mein Gegenüber mir positive Bestätigung gegeben hat. Wobei ich hinterher auch das wieder hinterfragt habe.) Je nach Situation. Je nach Mensch, der vor mir war.
Nach all den Jahren, die ich jetzt mit persönlicher Entwicklung verbracht habe, komme ich zu dem Entschluss: Wir sind nicht eine Sache.
This or that.
Dies oder das.
Wir sind wandelbar. In jedem Moment.
Sowohl als auch. Sowohl die manchmal zu Toughe als auch manchmal die zu Unsichere. Sowohl die manchmal zu Laute als auch die manchmal zu Leise.
Denn ich definiere es anhand dessen, wer vor mir steht.
Das ist meine Referenz, um festzulegen, wer ich bin.
Ich weiß nur, wer ich bin, weil ich wahrnehme, wer du bist.
Aber das ist noch nicht alles.
Über Entscheidungen und logische Konsequenzen
Was uns trägt, sind Entscheidungen.
90-95% sind unbewusst. Die Essenz von unseren Vorerfahrungen. Wir haben X erlebt, daraus Rückschluss Y getroffen. Deshalb machen wir jetzt Z.
Beispiel: Wir haben erlebt, dass es am besten ankommt, wenn wir uns anpassen. Nicht zu aufregend, nicht zu laut, nicht zu leise, nicht zu irgendwas, was jemandem gegen den Strich gehen könnte.
Bist du “brav”, kriegst du ein Lächeln. Man kann dich “nutzen”. Du bist kalkulier- und verwertbar.
Wir wurden hier positiv bestätigt, und das allein reicht manchmal schon aus, um uns in der Anpassungsschiene zu halten.
In manchen Fällen haben wir auch erlebt, dass wir voll einen vor den Latz bekommen haben, wenn wir für uns einstehen wollten.
Bei mir war es der Kindergarten. In einem Coaching habe ich mich erinnert, dass ich furchtbare Angst vor dem Kindergarten hatte und nicht hin wollte. Also bin ich in meine Höhle unter dem Hochbett geflüchtet.
Mein Vater hat mich unter dem Bett hervorgezogen, unter Heulen (also ich, nicht er) zum Kindergarten gefahren, abgegeben, weggefahren.
Und da war ich dann und musste mit der Situation umgehen.
Meine Mama hat sich Sorgen gemacht und kurz darauf beim Kindergarten angerufen, ob es mir gut ginge.
Und ich saß auf dem Schoß der Erzieherin, die ein Buch gelesen hat, und habe wohl gelächelt. (Da ist es wieder, dieses Lächeln.)
Ja, hab ich wohl.
Weil ich überleben musste.
Wahrscheinlich war es eine halb bewusste Entscheidung. Aber irgendwo auch die logische Konsequenz von dem, was ich erlebt habe und welche Möglichkeiten mir im Moment des Überlebens zur Verfügung standen.
Kämpfen hatte nichts gebracht.
Flüchten hatte nichts gebracht.
Also blieb nur noch: Nicht aufmucken, sondern tot stellen und lächeln. Denn so kriege ich Akzeptanz. Positive Bestätigung. Das war der beste Deal, den ich bekommen konnte.
So werde ich geduldet.
Was ich will und brauche, ist nicht wichtig.
Was ich will und brauche, ist nicht wichtig.
Ich bin eine Haltlose, die lernt, sich Halt zu geben
Und so hat sich irgendwann dann doch ein Selbstbild entwickelt.
Wie ich mich sehe.
Ich bin irgendwie die Komische.
Die Wandelbare.
Die, die alles ein bisschen ist und manchmal ihre Seele auf der Suche nach “dem Durchbruch” auf Social Media verkauft.
Das ist ein Teil des Bildes.
Der andere Teil ist, dass da trotzdem irgendwo etwas ist, das “fest” ist.
Etwas, das immer wieder auftaucht, wenn die erste Welle aus Unsicherheit, Selbstzweifel, Minderwertigkeitsgefühl und Selbstmitleid durchgerauscht ist.
Eine Präferenz. Ein “da zieht es mich hin”.
Keine Erklärung.
Nur ein Sog.
Und ich bin die, die schon ganz weit diesem Sog gefolgt ist.
Und aus allem –
– dem Vergleich mit anderen,
– der eigenen halb bewussten Entscheidungen,
– der logischen Konsequenz aus meinen Umständen,
– der persönlichen Präferenz und
– dem daraus entwickelten Selbstbild
– bin ich die, die da ist, um andere Menschen zu erreichen, die denken: Das, was ich will und brauche, ist nicht wichtig.
Die irgendwie alles sind, was sie glauben, was andere von ihnen wollen und erwarten.
Der Haltlosen.